Vom Leben getragen

Endlich war es soweit, nach monatelanger Suche konnte ich in mein neues Zuhause einziehen. Auch ich gehörte zu dieser sogenannten „New Age Generation“ – „Wenn´s dir nicht gefällt, mach neu“. So beschloss ich mein Leben umzukrempeln, beendete meine Beziehung, gab mein Geschäft auf, inklusive Freundeskreis und begann ein neues Leben. Das ein kompletter Neustart nicht leicht werden würde, war mir von Anfang an bewusst. Dennoch war es ein befreiendes Gefühl, dass meine Karten neu gemischt werden. 

Meine kleine Schwester Johanna (20) war übers Wochenende zu mir nach Österreich gekommen, um mir beim Umzug zu helfen. Das Glück hielt jedoch nur zwei Tage an, denn am Sonntag Morgen riss mir der Anruf meiner Mutter mit der traurigen Nachricht, dass meine große Schwester Eva (35) am Herzen notoperiert wird den Boden unter den Füßen weg. Wir sollten doch bitte schnellst möglich nach Hause kommen. Sie gab mir die Nummer des betreuenden Chirurgen und bat mich, ihn anzurufen, um Näheres über den Zustand von Eva in Erfahrung zu bringen. Kurz darauf telefonierte ich mit dem Chirurgen, er erklärte mir was mit meiner Schwester geschehen war. Da ihre Hauptschlagader zum Herzen hin eingerissen war wird Sie derzeit noch notoperiert und schwebt in Lebensgefahr. Wir müssen jetzt den Verlauf der Operation abwarten. Noch am selben Abend fuhren wir los und besuchten Eva auf der Intensivstation. Als ich vor dem Bett meiner Schwester stand, fühlte sich die Situation an, als hätte ich diese schon einmal erlebt. Plötzlich kam es mir wieder in den Sinn. Einige Zeit lang begleitete mich bei Anrufen meiner Familie ein misstrauischer Gedanke. Es war immer der Gleiche, dass etwas schreckliches passiert sei und ich schnellstmöglich nach Hause kommen solle. Ich konnte diesen angstvollen Gedanken nicht deuten und redete mir ein, dass ich mir nur unnötig Sorgen machte. Nun lag sie da, umgeben von Schläuchen und piepsenden Geräten. Ihr Körper war von der Operation aufgequollen wie ein Ballon. Viel Leben steckte nicht mehr in ihr, dachte ich mir. Der Anästhesist zeigte uns die Bilder von Evas Gehirn und versuchte uns schonend beizubringen, dass es nicht gut um sie stehe. Sollte sie wieder aufwachen, was zum dortigen Moment noch ungewiss war, würde sie erhebliche Beeinträchtigungen davontragen. Sie hatte während der Operation einen Schlaganfall erlitten und dadurch wurden lebenswichtige Zentren im Gehirn geschädigt. Die Herzoperation sei jedoch gut verlaufen. Wir könnten jetzt nichts weiter für sie tun, als abzuwarten bis sie von der Narkose aufwacht. Erst dann würde sichtbar werden in welchem Zustand sich ihr Körper befindet. Wir waren alle in Trance verfallen, konnten kaum reagieren und fuhren erstmal nach Hause. Jetzt hieß es abzuwarten. Sollte Eva innerhalb der nächsten 72 Stunden nicht aufwachen, würde man sie für Hirntod erklären. Es war schwierig in dieser Situation klare Gedanken zu fassen. Am meisten Halt gab mir der Austausch mit Johanna. Doch uns beiden war unklar, für was wir beten sollten. Etwa für ein Wunder, dass sie wieder ganz gesund wird, entgegen der Prognosen der Ärzte, oder, dass sie friedlich sterben kann. In den folgenden Tagen wechselten wir uns mit den Besuchen ab. An eine Situation erinnere ich mich bis heute, da sie uns zum Lachen brachte. Eva hatte sich kurz bevor sie ins Krankenhaus fuhr, geduscht und die Nägel lackiert. Deshalb machten wir Scherze darüber, ob sie sich wohl extra für den Chirurgen hübsch gemacht hatte. Nach fünf Tagen des Bangen und Hoffens wurde Eva für Hirntod erklärt und unsere größte Angst wurde zur Realität. In solch einer extremen Situation bietet einem das Leben zwei Möglichkeiten. Eine Möglichkeit ist, sein Schicksal anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Die Andere ist, sich dagegen zu stellen und sich in Warum-Fragen, Trauer und Verzweiflung zu vergraben.  Wir entschieden uns für die erste Option, denn das hätte Eva sich für uns gewünscht. Ich zog vorerst zu meinen Eltern, um sie im Geschäft zu unterstützen. Eva sollte eigentlich das Gasthaus übernehmen und somit war erstmal unklar, wie es mit dem Geschäft weiter gehen sollte. Da auch meine anderen beiden Geschwister beruflich und privat gefestigt waren, blieb ohne dies nicht viel Zeit, in tiefe Trauer und Lethargie zu verfallen. Die darauffolgenden Monate waren turbulent und gleichzeitig voller Lebensfreude. Ich erkannte rasch, wie wichtig es ist den heutigen Tag zu leben. Gewusst habe ich das schon vor Eva´s Tod aber wirklich gelebt habe ich es bis dahin nicht. So machte ich es mir zur Aufgabe alles was mir wichtig war und woran ich Freude fand auch zu erleben und nicht nur davon zu träumen. Die Ausrede „Ich habe keine Zeit“, gab es für mich nicht mehr. Schließlich könnte das Leben schneller vorbei sein als mir lieb war. Obwohl ich ein Freund von Ratgebern bin habe ich mich bewusst dagegen entschieden, ein Buch über Trauer zu lesen. Ich wollte wieder lernen, meinen eigenen Weg zu gehen und mich von meiner Intuition führen zu lassen. Jedoch wollte ich mich vergewissern, dass wir im Umgang mit Lena (6), Eva´s Tochter, alles richtig machen, und siehe da, laut der Autorin von „ Wie Kinder trauern“ verhielten wir uns instinktiv richtig. Als ich mit dem Versuch, das Gasthaus meiner Eltern zu übernehmen nicht vorankam, wurde für mich immer deutlicher, dass sie nicht bereit waren, ihr Geschäft zu übergeben. Mir wurde klar, dass ich eine Entscheidung treffen musste darüber, wie es mit meinem Leben weiter gehen sollte. Hin und her gerissen zwischen zwei Welten, in denen sich sowohl beruflich als auch privat Türen öffneten, entschied ich mich dafür wieder nach Österreich zu ziehen. 

Resume

Mehr als zwei Jahre sind seither vergangen. Wir nutzten alle diesen Schicksalsschlag und machten das Beste daraus. So hat Lena, dank der Freundin ihres Papa´s, die sie liebevoll mit großzieht, wieder ein stabiles Familienleben. Meine Eltern pflegen wieder ihre sozialen Kontakte und haben aus einem Ruhetag, zwei Ruhetage die Woche gemacht. Meine Geschwister sind beide frisch verliebt und haben eine rosige Zukunft vor sich. Auch ich habe mich von diesem Schock erholt und wieder einen Platz in meinem Leben gefunden. Ich habe wieder mehr Vertrauen ins Leben und zu mir selbst. Der Tod eines geliebten Menschen lässt uns eine neue Perspektive gegenüber dem Leben einnehmen. Er hat nicht nur Schattenseiten, viel mehr zeigt er einem das wahre Leben auf. Manchmal bin ich sogar froh darüber, dass eine der schrecklichsten Erfahrungen die einem im Leben widerfahren können schon hinter mir liegt. Mit dieser Erkenntnis lebt es sich ein ganzes Stück leichter. 

 

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